24.03.2022

Landtagswahlen in NRW 2

Sozialdemokratische Partei Deutschlands · Till Heemann

Interview von Matthias Koprek

In Rubrik: Wirtschaft | Aus Magazin Nr: 166

5 min Lesezeit

Mit welchen drei Hashtags würden Sie sich selbst beschreiben?

#Pragmatisch #Heimatverbunden #Lösungsorientiert

Warum ist die SPD Ihre politische Heimat?

Ich komme aus einem streng sozialdemokratischen Haushalt. Meine Mutter saß 25 Jahre im Stadtrat. Sie hat dann ein paar Jahre pausiert und ist nun wieder drin. Meine Tante Brigitta Heemann war sogar Landtagsabgeordnete. Sie ist die letzte von der SPD, die die Wahl im westlichen Kreis als Direktkandidatin gewonnen hat. Ich will also quasi in ihre Fußstapfen treten. Ich teile die Ansicht der Partei, dass man nur im solidarischen Umgang miteinander weiterkommt.

Welche Ämter hatten Sie bisher inne?

Ich bin als sachkundiger Bürger in der SPD-Fraktion tätig und in diesem Zusammenhang Aufsichtsratsmitglied bei der Wirtschaft & Marketing Soest GmbH, also der Wirtschaftsförderungsgesellschaft der Stadt Soest. Ich bin im Stadtentwicklungsausschuss, im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Klima sowie im Ausschuss für Innovation und digitalen Wandel. Zudem bin ich stellvertretendes Mitglied in der zentralen Grundstückswirtschaft, der Immobilienverwaltung der Stadt Soest.

Was waren Ihre bisher größten politischen Erfolge?

Da fällt mir sofort eine Sache ein: Als wir im Kommunalwahlkampf mit der Feuerwehr zusammengesessen haben, ist uns das erste Mal wirklich bewusst geworden, dass die Feuerwehr kein Mitglied im Stadtentwicklungsausschuss ist. Das ist sehr ungünstig, weil sie von Baumaßnahmen, die sie durchaus betreffen, erst aus der Zeitung erfährt. Deshalb haben wir für die Feuerwehr einen Platz im Ausschuss durchgeboxt.

Welche Punkte stehen ganz oben auf Ihrer politischen Agenda?

Ich will, dass die Straßenbaubeiträge abgeschafft werden. Das ist eine unfassbare finanzielle Belastung für Anlieger. Statt das Ganze abzuschaffen, gibt die aktuelle Landesregierung den Kommunen die Chance, eine Förderung für die Hälfte der Kosten zu erhalten. Dieses Verfahren ist jedoch so bürokratisch, dass allein durch den Zeitaufwand für die Bearbeitung höhere Kosten in den Kommunen entstehen. Das heißt, die Mehrkosten fressen die Förderung auf und in Summe wird Geld verbrannt.

Weil Wohnen immer teurer wird, zum Beispiel weil immer mehr Wohnungen aus der Sozialpreisbindung herausfallen und zu wenig gebaut wird, müssen wir neue Lösungen für dieses Problem finden. Es gibt verschiedene Ansätze. Einerseits müssen wir genossenschaftliche Bauprojekte und öffentlich geförderten Wohnraum fördern. Der Kreis Unna hat zum Beispiel eine kreiseigene Wohnungsbaugesellschaft, die sehr erfolgreich ist, indem sie nicht nur günstigen, sondern auch hochwertigen Wohnraum zur Verfügung stellt.

Neuen Wohnraum zu schaffen steht in Konflikt mit dem Ziel weniger Fläche zu versiegeln. Wie können wir das Dilemma lösen?

Die Kunst in Zukunft wird es sein, die Flächen, die ohnehin schon da sind, nachzuverdichten. Dabei wird die Grundsteuer C helfen, die auf unbebaute Grundstücke erhoben wird, mit denen oft spekuliert wird. Im zweiten Schritt müssen Bestandsimmobilien ausgebaut werden. Man kann beispielsweise das Dachgeschoss ausbauen und wenn der Bebauungsplan es zulässt auch noch ein Stockwerk obendrauf setzen. Dafür muss auch das Bauordnungsrecht flexibilisiert werden. Und natürlich kann man Leerstand begegnen, indem man lange leerstehende Ladenlokale zu Wohnraum umwandelt. Das ist etwas, was die Politik fördern und unterstützen kann.

Wie halten Sie den Kontakt zu den Bürgerinnen und Bürgern?

In Coronazeiten findet der Kontakt viel virtuell statt. Das möchte ich auch in Zukunft flexibel, digital beibehalten. Gleichzeitig sind persönliche Angebote wichtig, schon allein für die Bevölkerungsteile, die digital nicht so fit sind. Aber vor allem stehe ich im Leben. Ich bin in Vereinen und stehe an der Theke. Überall dort findet ein wichtiger gesellschaftlicher Austausch statt. Und wenn ich demnächst nach Düsseldorf fahren sollte, dann heißt das nicht, dass man mich nicht mehr im „Pesel” an der Theke trifft.

Was fehlt Ihnen in der aktuellen Politik?

Mir fehlt ein Verständnis für das, was in der Landespolitik getan wird. Wir sehen eine Schulpolitik mit absolutem Aktionismus. Die Schulleiter kämpfen mit Corona und erfahren abends aus den Nachrichten, dass ab morgen andere Spielregel gelten. Die offizielle E-Mail von der Bildungsministerin kommt um 22:14 Uhr. Wir sehen Coronaschutzmaßnahmen, die nicht dem entsprechen, worauf man sich auf Bundesebene geeinigt hat. Da war auch Laschet ganz groß drin. Diese Alleingänge finde ich furchtbar. Die Politik muss den Menschen auch mal zuhören.

Sie sind nebenberuflich als selbstständiger Veranstaltungstechniker aktiv. Welche Auswirkungen werden die letzten zwei Coronajahre auf die gebeutelte Veranstaltungsbranche haben?

Gravierende, da sehr viele Leute die Branche verlassen haben. Der Fachkräftemangel wird ein deutliches Problem sein. Gleiches gilt für die Gastronomie. Selbst wenn jetzt alle ihre Veranstaltungen nachholen wollen, stellt sich die Frage: In welchen Häusern? Mit welchem Material? Und erst recht mit welchem Personal? Die Veranstalter werden mehr Geld haben wollen. Ich bin davon überzeugt, dass professionelle Veranstaltungen in Zukunft bedeutend teurer werden. Das kann sich dann wieder nicht jeder leisten. Dabei ist Kultur für alle da. Und als Sicherheitsingenieur habe ich auch die Befürchtung, dass es neue Preisdumper geben wird, die ihre Chance wittern, aber nicht die notwendige Qualität liefern.

Was aus Ihrer Tätigkeit als Ingenieur können Sie in der Politik gut gebrauchen?

Wir haben 199 Abgeordnete im Landtag. Davon sind vier Ingenieure. Das Land legt die Spielregel fest, wie in den Kommunen und Kreisen bauliche Dinge zu handhaben sind. Das tun vorwiegend Juristen, Lehrer und Beamte. Ein bisschen technischer Sachverstand kann da nicht schaden.

Warum sollten die Wählerinnen und Wähler Ihnen ihr Vertrauen schenken?

Wenn man ingenieurmäßigen Sachverstand im Landtage haben möchte, auf Pragmatismus gepaart mit ganzheitlicher Betrachtung setzt und sich eine gute Zukunft im Kreis Soest wünscht, ist man bei mir richtig.

Wobei können Sie am besten entspannen?

Bewegung an der frischen Luft, gemeinsam mit meiner Freundin und unserem Hund, finde ich sehr entspannend.